Die Stadt auf der Couch

„Nun legen Sie sich erst mal hin Herr Würzburg und entspannen Sie sich. Und dann erzählen Sie mir in aller Ruhe, wo er drückt … der Schuh.“
„Ja also, das ist so. Mein Nachbar, der Herr Schweinfurt, der macht mir in letzter Zeit ganz schön zu schaffen. Der spielt sich immer so auf, als sei er was Besseres …“
„Verstehe. Das ist natürlich ein Faustschlag in die Magengrube Ihres Selbstwertgefühls …“
„So ist es.“
„Und wie gehen Sie damit um?“
„Eigentlich gar nicht. Ich bin nämlich so hin und her gerissen, … geradezu innerlich zerrissen bin ich, dass meine Handlungsfähigkeit völlig gelähmt ist …“
So oder so ähnlich könnte sich eine Therapiesitzung anhören, wenn eine Stadt zum Psychoanalytiker ginge. Denn die Psyche einer Stadt ist der eines Menschen analog. Was dies konkret heißt, möchte ich anhand einiger Beispiele aufzeigen:
Ein Mensch definiert sich über seinen Beruf, eine Stadt über ihre Wirtschaft. Ein Mensch definiert sich über seine Vergangenheit, eine Stadt über ihre Geschichte. Ein Mensch definiert sich über seine Freizeitaktivitäten, eine Stadt über ihr Freizeitangebot. Ein Mensch definiert sich über seine positiven Eigenschaften (Qualitäten), eine Stadt über ihre Lebensqualität. Ein Mensch definiert sich über seinen gesellschaftlichen Status, eine Stadt über ihr Ansehen/ihre Bedeutung. Ein Mensch definiert sich über sein Alter, eine Stadt über ihre Altersstruktur. Ein Mensch definiert sich über seinen Wohlstand, eine Stadt ebenso. Die Aufzählung ließe sich noch fortsetzen, doch dies soll genügen. Stattdessen möchte ich noch auf andere Unterscheidungsmerkmale in der Psyche einer Stadt hinweisen, die für deren Imagepflege und Markenpositionierung von Bedeutung sind. Es handelt sich um die Charaktereigenschaften. Wenn ich die Psyche einer Stadt wie die eines Menschen analysieren kann, dann ist es auch möglich, für eine Stadt ein Charakterprofil zu erstellen und dieses in die Markenstrategie mit einzubeziehen.
Wie möchte eine Stadt wahrgenommen werden? Und wie wird sie tatsächlich wahrgenommen?
Als eher traditionell oder modern? Als eher konservativ oder fortschrittlich? Als rational oder emotional? Als ernst oder heiter? Beherrscht oder temperamentvoll? Heimatnah oder weltoffen? Naturverbunden oder technisiert? Rustikal oder kultiviert?
Wie definiert sich Ihre Heimatstadt? Und welchen Charakter hat sie und welches Imageproblem?
Schicken Sie sie in die Sprechstunde von Dr. Urban Metropolis, Montag bis Freitag 9 bis 18 Uhr oder nach Vereinbarung. ;-)

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Kommentare
4 Antworten zu “Die Stadt auf der Couch”
  1. Jauker sagt:

    Hallo Mario,

    dein Vergleich Stadt/Mensch ist hochinteressant. Ob dies auf alle Städte in Deutschland/Europa anwendbar ist, ist fraglich….Was meinst du?

  2. ledermann sagt:

    Ja klar. Ich seh jedenfalls keinen Grund, weshalb nicht.

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