… die im Zuge der Provinz-auf-Weltniveau-Diskussion in verschiedenen Blogs vorgeschlagen wurden.
Yes WÜ can
Ich muss gestehen: Als ich den Slogan zum ersten Mal im Würzblog las, war ich zunächst ebenfalls elektrisiert. Das lag jedoch vor allem an der Art, wie der Kommentator ihn zelebrierte. Die Begeisterung, mit der er ihn präsentierte, wirkte ansteckend. Bei näherer Betrachtung kamen mir jedoch Bedenken. Folgende Nachteile sollten in Betracht gezogen werden:
Nachteil 1: Die fehlende Glaubwürdigkeit
“Yes Wü can“ drückt aus, dass die Würzburger Power haben, dass sie jung und dynamisch sind und dass sie etwas bewegen können. Sieht man jedoch von dem Attribut „jung“ ab (höchster Anteil Deutschlands an jungen Erwachsenen), bleibt nichts übrig, was Würzburg glaubhaft und wirksam nach außen kommunizieren könnte. Würzburg zeichnete sich in der jüngsten Vergangenheit ja gerade nicht durch herausragendes Können aus. Zumindest nicht im Vergleich mit anderen Städten. Legt man Würzburg den Satz „Yes Wü can“ in den Mund, dann wirkt es ein bisschen wie der kleine Junge, der zu seinem Vater sagt:
“Papa, darf ich mal Auto fahren?“
Vater: „Ja, sicher darfst du mal Auto fahren. … Wenn du 18 bist.“
Junge: „Nein, jetzt!“
Vater: „Das kannst du noch nicht.“
Junge: „Doch ich kann! Papa, ich kann, ich kann!“
Es mag ja sein, dass es Würzburger gibt, die etwas Herausragendes können und Power haben. Doch man könnte kaum behaupten, dass sich Würzburg (als Ganzes betrachtet) mit den Merkmalen Power und Können von anderen Städten deutlich abhebt oder zumindest in der ersten Liga spielt. Doch genau dies ist erforderlich, um den Slogan glaubhaft und dauerhaft mit Leben füllen zu können. Würzburg müsste also permanent mit ungewöhnlichen Leistungen Schlagzeilen machen. Schafft man dies nicht, bleibt der Slogan eine Worthülse, die in kürzester Zeit als solche erkannt wird. Würzburg erschiene dann wie der kleine Junge, der fortlaufend sagt „ich kann, ich kann, ich kann“, aber die Beweise für sein Können schuldig bleibt.
Nachteil 2: Der Profilverlust
Wenn man sich vor Augen hält, dass der Slogan die Quintessenz dessen kommunizieren sollte, als was sich Würzburg profilieren möchte, dann zielt „Yes Wü can“ weit an Würzburg vorbei. Denn die einzigen Profilierungsmerkmale, die der Slogan liefert, sind Eigenschaften wie:
Würzburg kann irgendetwas (was auch immer) bzw. glaubt, etwas zu können.
Würzburg ist jung, dynamisch und selbstbewusst.
Doch von den Attributen, die Würzburg eigentlich auszeichnen, fehlt im Slogan jede Spur. Das heißt: das ursprünglich gewünschte Profil (Bild) wird durch ein anderes ersetzt, und dieses andere Profil ist 1. schwer auszufüllen, 2. schwer langfristig zu kommunizieren und 3. verwässert es das momentane Image von Würzburg.
Nachteil 3: Der hohe Werbeaufwand
Da der Slogan „Yes Wü can“ keine charakteristischen Merkmale von Würzburg enthält, wäre es nun Aufgabe der Werbekampagne, den Slogan mit den typischen Merkmalen Würzburgs zu verknüpfen und zu sagen, was Würzburg denn so gut kann. Bildlich gesprochen: Ich packe mit Hilfe einer Kampagne die Form gebenden Merkmale Würzburgs in einen Slogan hinein, der eine ganz andere Form aufweist und hoffe darauf, dass der Rezipient beim Hören oder Lesen des Slogans an die ursprüngliche Form erinnert wird. Davon abgesehen, dass mir diese Vorgehensweise äußerst unsinnig anmutet, halte ich sie für ineffizient. Wenn man berücksichtigt, wie gering und temporär der Werbedruck bei vergleichbaren Städte-Kampagnen gewöhnlich ist, dürfte die Wahrscheinlichkeit, dass diese Verschmelzung gelingt, äußerst gering sein. Selbst wenn der Slogan aufgrund seiner Auffälligkeit im Gedächtnis bliebe, würde sich eine Werbeerfolgskontrolle möglicherweise so anhören:
Interviewer: „Was fällt Ihnen zu Würzburg ein?“
Passant: “Yes Wü can!“
Interviewer: “Und was noch?“
Passant: “Nichts!“
Fazit: Eine Stadt wie Würzburg kann sich eben keine Werbepräsenz wie McDonald’s leisten, um dem Rezipienten zu sagen, was er sich unter einer Stadt vorzustellen hat, deren Slogan eigentlich etwas ganz anderes aussagt.
Kleiner Tipp: Suchen Sie sich 5 – 10 Städte der Größenordnung Würzburgs aus und fragen Sie Passanten auf der Straße, ob sie die Slogans dieser Städte kennen und ob sie sich an eine Werbekampagne dieser Städte erinnern können.
Nachteil 4: Die Größe des Slogans
Ein Slogan wie „Yes Wü can“ ist schon praktisch. Denn er ist so groß, dass man alles hineinstopfen kann. Für Würzburg ist er allerdings zu groß. Er ist wie das Trikot eines Basketballspielers, das ein kleiner Junge trägt. Und weil der Slogan so groß ist, verlockt er dazu, mehr hineinzustopfen, als für eine klare Profilierung sinnvoll wäre. Da werden dann auch Dinge hineingepackt, die für Würzburg in keiner Weise charakteristisch sind. Würzburg kann dies, Würzburg kann das, Würzburg kann ein bisschen hiervon, Würzburg kann ein bisschen davon, Würzburg kann eigentlich fast alles und manches richtig gut, anderes aber nur ein klein wenig. Das Ergebnis: Formlosigkeit in höchster Vollendung.
Fazit:
Als alleiniger Slogan für die Stadt Würzburg ist “Yes Wü can“ eher ungeeignet. Er käme bestenfalls als Kampagnen-Motto infrage. Doch auch dafür würde ich ihn lieber nicht verwenden, weil er 1. nicht notwendig ist und 2. zu sehr ablenkt.
Da der Spruch aber m.E. generell gut ist, hielte ich es aufgrund der oben angeführten Nachteile auch für eine Verschwendung, ihn für die Stadt Würzburg einzusetzen.
Seine Nutzung für einen eher jungen Teilaspekt Würzburgs (z.B. Jugend-/Studenten-Szene o.ä.) erscheint mir dagegen sinnvoll und Erfolg versprechend.
Es kommt nicht auf die Größe an
Sicher könnte man mit diesem Slogan eine Kampagne stricken, die auf eine charmante Art mit der fehlenden Größe kokettiert und damit ein paar Sympathiepunkte gewinnen. Doch dies erscheint mir für den Aufwand etwas zu wenig.
Nachteil 1: Die relative Austauschbarkeit des Slogans
Der Slogan enthält keine Merkmale, die für Würzburg typisch sind. Denn klein – im Vergleich zu anderen – sind in Deutschland die meisten Städte und Orte. Für Städte, die keine charakteristischen Merkmale besitzen, aber dennoch durch relativ hohe Leistungen von sich Reden machen, wäre der Slogan durchaus gut geeignet. Für Würzburg eher nicht.
Nachteil 2: Der Profilverlust
Hier gilt Ähnliches wie bei „Yes Wü can“. Da der Slogan keine charakteristischen Merkmale Würzburgs enthält, unterstützt er den Profilverlust. Denn die Quintessenz dessen, was der Slogan suggeriert, ist: Würzburg ist zwar nicht groß, aber es scheint doch irgendetwas Beachtliches zu leisten. Irgendetwas, wohlgemerkt! Was dies konkret ist, soll ja dann erst mittels Kampagne mit dem Slogan verknüpft werden. Und somit landen wir wieder – wie bei „Yes Wü can“ – beim hohen Werbeaufwand.
Nachteil 3: Der hohe Werbeaufwand
Der Vorgang ist der gleiche wie unter „Yes Wü can“ beschrieben. Mit Hilfe einer relativ temporär wirkenden Kampagne soll versucht werden, die für Würzburg typischen Merkmale gedanklich mit dem Slogan zu verknüpfen. Eine Werbeerfolgskontrolle dürfte ein ähnliches Ergebnis zeigen wie im Falle „Yes Wü can“.
Interviewer: „Was fällt Ihnen zu Würzburg ein?“
Passant: „Es kommt nicht auf die Größe an?“
Interviewer: „Und was heißt dies für Sie konkret?“
Passant: „Würzburg ist nicht groß, aber scheint irgendetwas Besonderes zu haben/können.“
Nachteil 4: Die Größe des Slogans
Auch dieser Slogan bietet Platz genug, alles hineinzustopfen, was man gerade zu fassen kriegt. Und deshalb sind solche Slogans bei Werbern auch sehr beliebt. Wenn aber das, was man hineinstopft, dann doch nicht so besonders groß ist wie man gerne möchte und darüber hinaus auch kein typisches Merkmal von Würzburg, dann ist auch dieser Slogan bestens geeignet, die Konturen Würzburgs zu vernebeln.
Nach- oder Vorteil 5/1: Der Hintersinn des Größenvergleichs
Ob, wie und bei wem der Hintersinn in den Kopf oder in die Hose geht, darüber kann man streiten. Muss man aber nicht, solange die Nachteile überwiegen.
Fazit:
Der Slogan eignet sich für Städte, die keine charakteristischen und relevanten Merkmale besitzen, doch häufiger mal mit diversen Leistungen glänzen. Für Würzburg ist er m.E. ungeeignet.
Über eine Nutzung für einen Teilaspekt Würzburgs (siehe oben) könnte man sicher nachdenken.
MAINe Stadt ist auch deine Stadt
Der Slogan wirkt sympathisch, einladend und erzeugt persönliche Nähe. Er eignet sich in dieser Form (MAINe) für jede Stadt am Main, die überregional keine Bedeutung hat und regional kein markantes Profil. Eine gemütliche Kleinstadt könnte mit ihm sicher eine Kampagne kreieren, die Charme und Menschlichkeit verströmt. Für Würzburg ist er jedoch relativ ungeeignet. Die Gründe sind ähnlich wie bei den beiden oben beschriebenen Slogans.
Ab 01. Mai sinken die Gebühren für den EU-Markenschutz. Nach Informationen der IHK-Hannover entfällt künftig die Eintragungsgebühr, lediglich für die Markenanmeldung sind 1050,00 Euro fällig - statt wie bisher insgesamt 1750,00 Euro.
Die Geschäftsführung von “Ihr Landbäcker” - einem renommierten und mehrfach ausgezeichneten Unternehmen des Bäckereihandwerks mit 132 Filialen in Sachsen-Anhalt, Brandenburg, Thüringen und Niedersachsen - bat Gerryland auf Grundlage des “Ihr Landbäcker“-Imagefilms eine neue Funkspotkampagne zu gestalten.
Im Wege des „Medientransfers“ sollten Szenen des Films in kleine Geschichten übertragen werden, die den “Ihr Landbäcker”-Slogan “Backen wie früher” auf charmante Weise zum Leben erwecken.
Gerryland entwickelte aus diesen Vorgaben „Ihr Landbäcker-Dorfgeschichten“, eine sehr schöne Spotserie, die durch den liebenswerten Märchenerzähler, die Kinderstimme und das speziell für den Kunden produzierte Soundlogo einen sehr hohen Wiedererkennungs- und auch Sympathiewert hat. Hören Sie selbst …
Laut Nielsen Media Research gaben Unternehmen für Radiowerbung von Januar bis Ende März 2009 etwa 10 % (305 Millionen Euro) mehr aus als im gleichen Zeitraum 2008. Die aktivsten Hörfunkwerber haben ihre Budgets im ersten Quartal gegenüber dem Vorjahr fast alle noch erheblich mehr aufgestockt. Z.B. Real mit +382%
Quelle: Kontakter/17/2009
Verwandter Artikel:
http://www.gerryland.de/blog/2009/03/spot-billig/
12,79 Mio Internet-Domains mit der Kennung .de waren Mitte April beim Verwalter Denic registriert. Die höchste Domain-Dichte hat Regensburg: auf 1000 Einwohner kommen 387 Domains.
… oder: Realsatire auf Weltniveau
Immer wenn ich, wie kürzlich wieder einmal, über den Würzburg-Slogan lese, muss ich an die Hühner meines Großvaters denken und an das Gipsei, das er ins Nest legte, damit die Hühner wussten, wo sie ihre Eier abzulegen hatten. Ob Hühner jemals versuchen, ein solches Gipsei auszubrüten, entzieht sich meiner Kenntnis. Doch bei Menschen kommt so etwas schon mal vor.
Auch der bereits alte neue Würzburg-Slogan scheint so ein Gipsei zu sein. Denn obwohl man ihn schon seit Monaten bebrütet, ist bisher noch nichts ausgeschlüpft.
Was mich an diesem Brutverhalten am meisten befremdet ist die Hartnäckigkeit, mit der gegen alle Widerstände angebrütet wird. Mein Großvater, der kein Geschäftsmann gewesen ist, wäre nie auf die Idee gekommen, ein Gipsei monatelang bebrüten zu lassen. Schon gar nicht während einer Rezession.
Ist es denn wirklich angemessen, einen Stadt-Slogan, der auf breite Ablehnung stößt und sogar als geschäftsschädigend bezeichnet wird, auf Biegen und Brechen durchzuboxen?
Oder wäre es nicht schon längst wirtschaftlicher gewesen, ein Abstimmungsverfahren durchzuführen mit mehreren Alternativen zur Auswahl?
Eine Alternative von unserer Seite:
Würzburg.
Wissen, Wein und Weltkultur.

Unsere Anzeige aus der Main-Post vom 11. April
Dieser Slogan ist aufgrund seiner Alliteration einprägsam (4 Ws), enthält die wesentlichen Merkmale Würzburgs und weckt ein relativ konkretes Bild beim Leser/Hörer. Letzteres ist vor allem im Hinblick auf die Wirtschaftlichkeit bedeutsam, das heißt: Ich kann mir auch ohne begleitende Kampagne etwas unter Würzburg vorstellen.
Wie ist Ihre Meinung zu unserem Slogan?
Haben Sie Alternativvorschläge?
Wenn Sie einen Kommentar zu unserem Vorschlag abgeben oder einen Meinung äußern möchten, einfach oben auf “Comments” klicken.
Weitere Links zum Thema:
Wir sind Würzburg
Städte in der Markenpositionierungsfalle
Frankfurt = Dagobert Duck, Schweinfurt = Daniel Düsentrieb
Die Stadt auf der Couch
Eine Geschichte mit 396 Städten, Ortschaften, Stadt- und Ortsteilen sowie 4 Siedlungen, 4 Straßen, 1 See, 1 Pass und 1 Zeche.
1979, kurz vor Ostern. Ich war mit meinem Benz unterwegs von Ahrensdorf nach Behrensdorf, als mich ein lautes Poing und langes Züsch aus meinen Gedanken schreckten.
„Na nu? Benzin alle“, grübelte die Frau in mir.
„UnSinn! Ein leerer Tank macht doch keine Geräusche“, brummte der innere Mann zurück, „wir haben bestimmt `nen Radbruch oder Platten!“
Er hatte Recht. Also öffnete ich den Kofferraum und begann, unter all dem Krempel, Kraam und Nippes nach dem Reserverad zu suchen. Dabei hätte ich wohl auf Passanten einen äußerst Rathlosen Eindruck gemacht. Und am Ende meiner Suche auch einen radlosen. Ohne meiner inneren Frau Gelegenheit zu einem hysterischen Anfall zu geben, streifte ich den Regenmantel über, setzte eine von Motten zerfressene Kappe auf und machte meinen ganz persönlichen Ostermarsch. Mitten durch die Engelbrechtsche Wildnis und die Blomesche Wildnis, eine Ewigkeit am Inn entlang. Leider hatte ich kein’ Schaalby, weshalb mir der Regen Kalt den Hals hinunterlief. Meine Feuchtwangen schmerzten vor Kälte, und ich Nieste und musste Husten. Schließlich fand ich Zuflucht in einem kleinen Dorf: Busendorf! … Oder war es in Busenberg, Busenbach, Busenhausen Oderin Busenweiler? Egal. Jedenfalls war’s ein Busenwunder. Denn kaum saß ich dort im Neuwirtshaus an der zur Bierhütte umgebauten Bar, war ich im Nu von Acht Frauenzimmern umringt. Ilse, Irmtraut, Karoline, Karin, Linda, Lotte, Rosine und die etwas förmliche Nicollschwitz, die auf ihren Familiennamen Schwitz besonderen Wert legte.
Warum es mich Fremdling denn ausgerechnet in diese Gegend und dann auch noch in dieses Hühnernest verschlägt, wollte eines der Oschätzchen Wissen.
„Pech mit Benz“, knurrte ich mies gelaunt.
„Und wo Wohnste“, fragte eine andere.
„In irgendeinem Verlorenort In den Karpathen“, antwortete ich mit einer Lüge.
„Das liegt doch bestimmt in Übersee“, mutmaßte eine von den Weibern naiv.
„Nee, das nicht, Mädle, aber trotzdem ziemlich Verne!“
Irgendwann ging mir das GeQuassel auf den Sack und ich wandte mich dem Wirt zu.
„Einen Oberbrändi, bitte! … Ach ja und zwei Biere! … Und kann man hier auch was Essen. Hab nämlich Hunger wie ein Hungriger Wolf!“
„Was woll’n Sie denn haben? Büchsenschinken? Wassersuppe? Ein Linsengericht mit Knoblauch? `Nen gefüllten Remagen mit Grünkraut? Oder ein Halbs Hänchen? … Als Nachtisch hätte ich noch Süssen Mandel Kuchen!“
„Mir egal. Hauptsache kein’ Kuhfraß.“
Ich wollte mir gerade Meine Zigarette anzünden, als ein Hübscher Boy mit einer wasserstoffblonden Barby die Gaststube betrat.
„Die kommt bestimmt aus Puppendorf“, sinnierte ich, und mein Puls begann, sich etwas zu beschleunigen.
„Hey, was glotzt’n so, du olle Sexau“, bellte der Jüngling.
„Hä? Was? Wie? … Meinst du mich?“, versuchte ich den Unbedarften zu spielen.
„Na wen denn sonst, du Langweiler? Glaubst’ wohl, ich Merkenich, wie du mein Mädle anstarrst? Du, ich sag dir, Siehdichfür“, drohte mir das Halbe Hemd.
„Ey, jetzt reg dich mal ab“, begann ich den Lässigen zu mimen, „wenn ich’s nötig hätte, ginge ich nach Poppenweiler, wo viele Tussenhausen, und würde mir selbst `n paar Tittenkofen.
„Du, ich sag dir, werd’ bloß nicht Patzig und spiel den Frechen, gell, sonst verpass ich dir `ne Maulschelle, dass dir zwei Oedeme im Gesicht wachsen“, giftete der kleine „Kenn“ und fuchtelte mit seiner Hand vor meiner Nase herum. „Noch so `ne kesse Lippe und du kriegst `n paar aufs Ohrdruf!“
Ich hatte gute Lust, ihn umzupusten, doch ein Wettringen war mir zu Kindisch. Ich dachte mir einfach: „Orschelecker“ … und fragte den Wirt, Ob ich mal von seinem Telefon aus anrufen könne.
„Wenn’s nicht um die Halbe Welt ist“, brummelte er.
„Nee, muss nur meiner Firma Bescheid geben!“
Ich wählte. … „Knarrrrrr … knarrrrr … knarrr-knarrrrrrr … knarr-knarr-knarrrr …… taa-tüü-tiiiiit … taa-tüü-tiiiit“. Das Verwähltzeichen klang wie Obervogelgesang. Ich versuchte es erneut. Nach einigen Sekunden meldete sich Fraurombach.
„Na, Herr Lederhose, Sie Lustiger Strumpf, wo zum Kuckuck treiben Sie sich denn wieder herum“, flötete sie mir ins Ohr.
„Steh bei Busendorf mit `nem kaputten Radevormwald. … Gleichamberg, fast im Strassgräbchen.“
„In Busendorf? Machen Sie kei’ Schlechtewitz!“
„Nee, Ohnewitz! Geben Sie mir mal Herrn Kuhbier!“
„Okay! … Ach nee, ich dachte, der Sayda, aber der is’ schon im Feierabend!“
„Sonnschied! … Dann Herrn Wildemann!“
„Der is’ beim Fischen im Allgäu. Wallerfangen.“
„Ja, Leck mich doch … Und Herr Muggensturm?“
„Is’ Zschocken!“
„Ja Grossengottern, es können doch nicht alle Vehlen! Schauen Sie doch noch mal, ist denn wirklich Kayna da?“
„Doch! Zscharlie Zschepplin!“
„Gut, dann Zscharlie Zschepplin!“
„Ich Fahrbinde! … Tschü-üüüs!“
Ich lauschte dem Telefonsignal. „Ist das nicht zum Lachen“, grübelte ich. „Das ist doch Derwitz! Während ich in der Gegend Rhumspringe, Fahren die in die Weitewelt, um sich in der Sonne zu Aalen! Na Wart, die können Wasserleben! Denen werde ich die Löhne kürzen, … dieser Sachsenbande!“ … Klack … tüt-tüt-tüt-tüt-tüt …
Fraurombach war nicht nur Oberhäslich, sondern auch ziemlich Kleingeschaidt, sprich: Ihr Denkorgan war nicht größer als ein Katzenhirn. Kein Wunder, sie wohnte am Demenzsee.
Wie ich aus Erfahrung wusste, taugten ihre Finger nur zum Nägellackieren, nicht zum Verbinden. Deshalb sparte ich mir einen weiteren Anruf, bestellte beim Wirt einen Kaffee und suchte mir ein Plätzchen Hinterm Ofen, um ein bisschen zu Lehsen.
„Hey, du“, Hörde ich irgendwann eine Stimme, „pflegst du hier das Einselthum?“ Es war Linda, eine von den Acht Göhren. Sie hatte sich auf den Tisch gesetzt, auf dem Meine Zeitung lag, und reckte mir ihren prallen Schenkelberg entgegen. Ihre Fleischwangen glühten, ihr Mund leuchtete Kirschroth.
„Na, Meine Wildetaube, suchst du ein warmes Plätzchen am Caminchen?“
„Wenn schon, dann am Kamin. Aber eigentlich wollte ich bloß den Röhrkasten anmachen.“
Sie warf mir noch einen Rhönblick über die Schulter und dann eine Münze in die Jukebox. Inzwischen Cham der Wirt mit der Kaffeekanne. Ihr Inhalt: Schwarze Pfütze. „Nehms wie’s kommt“, dachte ich mir und schüttete das Gebräu hinunter. Währenddessen las ich die Schlagzeilen:
Diebstahl bei Goldschau in Pforzheim. Ringfurth!
Mettmann schleppt schwere Kist aus dem Kella. Schnellin die Glienick. Am Grossen Bruch operiert.
Wetter: orkanartige Boen, Geiselwind und Hoheluft Feuchtigkeit.
Traumurlaub: Campen in idyllischer Lage mit Seeblick.
Böser Schabernack! Jüdische Grabstede geschändet.
Nach Missernte im Runkel Rübeland: Mehltheuer!
Laussig! Trainer von Eintracht Prügel Wirft Handtuch.
Spannend! Neuer Radegast beim Großen Preis.
Tragisch! Kinder Gingen an der Fils Baden. Taucha konnten nur noch Leichnam Bergen.
Gross Welle spülte Grossbadegast über die Rehling. Ertrunken!
Dumm gelaufen! Sie machten nur Petting in Hymendorf. Trotzdem schwanger.
Tragödie beim Paaren im Glien: Pillenbruch!
Rotlichtviertel in Keuschberg: Die Neuengörs bringen Schwung ins Bufleben.
Schock! BombenAnschlag auf Staats Eigenthum kostet Dreileben.
Schließlich war ich auf der Witze-Seite angelangt und las gerade den neuesten Priestewitz und Nonnewitz:
„Ein Priester und eine Nonne spielen Schach. Sagt die Nonne …“
„So, Herr Lederhose“, unterbrach der Wirt Meine Lektüre, schwer keuchend, „hier wäre dann auch schon Ihr Essen: Ein Büchsenschinken, eine Wassersuppe, ein Linsengericht mit Knoblauch, ein gefüllter Remagen mit Grünkraut, ein Halbs Hänchen und Süssen Mandel Kuchen.“
Mir fiel die Kinnlade bis zum Boden.
„Wa-wa-warum so viel“, stammelte ich.
„Sagten Sie nicht: Mir egal?“
„Äh … ja …“
„Eben Darum! Wenn’s jetzt zu Vielist, sind Sie selber Schuld! … So ist das hier. Wer nicht Weisswasser will, kriegt, was er bezahlen kann. … Sie können doch bezahlen, oder? Nicht dass Sie so ein Habenichts aus Betteldorf sind.“
„Na ja, wenn Ihnen mit ein paar Schillingen gedient ist. Ein Schillingsfürst bin ich nicht gerade …“
„Jetzt machen Sie sich mal keine Sorge, Meine Gäste sind alle nur Klein Zecher. Hier is’ alles Oberbillig.“
Ich stocherte Lieblos im Essen herum und suchte nach einem Haar in der Wassersuppe und nach anderen Gründen, weniger zahlen zu Müssen. Sind da nicht eindeutig zu wenig Frücht auf dem Kuchen? Von Grossbeeren konnte jedenfalls nicht die Rhede sein. Auch hatte der Wirt nicht explizit einen Grosskuchen angeboten, weshalb üblicherweise ein Kleinkuchen hätte Kommen Müssen. Und sagte er nicht auch: Halbs Hänchen? Das hier war zweifellos ein Halver Hahn. Und der Büchsenschinken? Hm? … Der schmeckte wie Fisch aus der Dose. Und im Kuchen war garantiert Faulebutter drin. Ach, was sag ich - ein fauler Butterberg …
Klirrrrr! … Das Hörde sich an, als seien in der Küche mehrere Tellerhäuser eingestürzt.
„Zscherben bringen Güterglück“, kommentierte Linda, die auf dem Tanzfleck neben der Jukebox gerade einen Twist versuchte.
„Maxsain“, gab ich zur AntWorth und ließ meinen Blick durch die Gaststube wandern. Dabei stolperte er dummerweise über Kenn, der auf dem Hauptstuhl in der Bierhütte hockte und mich herausfordernd fixierte.
„Pst, pass auf“, zischte Linda, „mit dem is’ nicht gut Birken–Honigsessen. Der is’ Niemandsfreund, ein ganz Oberbösa. Der muss Immer Motzen. … Außerdem hat er den Schwarzen Gürtel. Den 7. Dahn!“
„Worin“, fragte ich, „im BlumenPressen? Im Maasen Stemmen? Im Protzen? Oder im Niedersachswerfen?“
„Pssst! Nicht so laut“, versuchte Linda die brenzlige Situation zu retten.
Zu spät. Klein-Kenn hatte mitgehört und bahnte gerade ein Neuärgerniß an.
„Ey, hör ma’ zu, du hässliche Kröte“, fing er an, „wenn du hier Oberstreit suchst, ne, dann werd’ ich dir eine Scheuern, dass du zurück nach Luschendorf oder Memmendorf fliegst, wo du herkommst, klar?“
Ich machte eine betont lässige Geeste der Zustimmung, um mein Gesicht zu Waren und stand auf – was Kenn gar nicht gefiel.
„Nickenich!!!“ … brüllte er und: „Niedersetzen!“
„Aber ich wollte doch nur …“
„Laaber nich’ rum, sonst trete ich dir Meine Vorderhufe auf den Rüssel, dass deine Nasenbeine Brechen!“
„Wieso Beine“, rätselte ich.
„Schwaig!!! … Duuuu, ich sag dir, Sichtigvor, sonst kriegst du Meine Blauhand zu Spören! Von dir lass ich mich nicht durch den Kakau ziehen! Von dir nicht!“
Ich schaute in die Runde, um die Lage zu peilen.
„Jaaa, schau nur! … Siehdichum“, … tönte Kenn selbstgefällig. „Das Sixtnitgern, dass d’ in der Zwickmühle hockst, gell?“
Ein Nicken verkniff ich mir diesmal, und ein Kopfschütteln ebenso. Dieser Bengel war einfach noch Dümmer als ich dachte. Darum Cham es mir sehr Wohlgelegen, dass der Wirt die Rechnung brachte.
Meine Schillinge reichten natürlich nicht. Aber ich hatte noch ein paar Dollart-Scheine gefunden. Sie steckten in der Tasche vom Regenmantel, den ich einmal während eines Manövers von den Amis geklaut hatte. „Clauen zahlt sich eben manchmal aus“, sagte ich mir. Dieses Mantra gab meinem Gewissenruh und mir die Zuversicht, trotz Verstoßes gegen das 7. Gebot, die Himmelspforten zu durchschreiten und dem Fegefeuer zu entkommen. Letzteres musste ich ganz schnell revidieren. Mir wurde Hundsübel. Warin meinem Sechs-Gänge-Menü am Ende doch etwas drin, was nicht drin sein sollte? Drogen vielleicht? Wenn’s nicht so ist, Willich Kabelhorst Heißen.
Ich beschloss, Meine Recherche an anderer Stelle fortzusetzen und schleppte mich, von Winden geplagt, einen Pups nach dem anderen lassend, ins Klo. Dort herrschte dicke Hundeluft. Ich musste Pforzen und Kotzen. Kaum hatte ich mein Gesees – ein Wohlmannsgesees, wie ich betonen möchte – auf der Schüssel platziert, schoss Meinkot in einem dicken Schwall aus der Arschkerbe. Na ja, wenigstens hatte ich keinen Postau. Doch noch Immer fühlte ich mich Oberkaka. Verzeihung – Elend!
„Aua, Meine Kehl!“
Ich machte ein paar Tastungen an meinen Lymphknoten. Sie Schwollen an. Dicke Schweißperlen glänzten auf meiner Stirn und das Blut rauschte in den Ohren.
„Haste vielleicht `ne Vergiftung mit Atzelgift“, fragte ich mein Spiegelbild. „Dann musste schnell nach Krankenhagen, Arzthofen oder zum Doktorshof - Magen auspumpen lassen!“
„Jetzt mach dir ma’ nicht in die Lederhose und Tauche den Kopf unter Wasser“, beruhigte ich mich. „Das hilft Lindern!“
„Stimmt“, antwortete ich mir selbst, „nur, Weil ich ein bisschen auf dem Kloschwitz und Übelhör, brauche ich nicht gleich Panik zu Schieben.
Ich drehte also den Hahn auf, doch offenbar war ich hier bei den Wasserlosen. Es kam nur ein Rinnsal. „Ich Wartin 100 Jahren noch, wenn ich Taucha spielen will“, überlegte ich und zog es vor, eine Kopfdusche zu nehmen. Nach einer zehnminütigen Kneippkur trat ich erfrischt durch die VorderThür und sah gerade noch Kenn, der mit seinem Hückeswagen mit Allrath-Antrieb davondüste.
„Gott sei Dank“, seufzte ich erleichtert und begann meinen Fußmarsch Richtung Reifenberg, wo ich ein Benz Rade Billig zu erstehen hoffte.
Ich war Wohlgemuth. Die Regen Wolken hatten sich verzogen, ein Zebelin kreiste am Himmel, um zu Werben und ein Vogelsang irgendwo in der Waldidylle. Keine Ungedanken brachten mich auf die Idee, dass ich mich auf dem Holzweg befinden könnte. Ich hatte gerade ein Gross Kreutz mit Altenvers passiert, das neben einem Tiefensee unter Weiden aufragte, als ich hinter einer Kurve unverhofft dem Bösen Kenn gegenüber stand. Er lehnte breitbeinig an seiner Klitsche und sah so aus, als wolle er nicht bloß Rheden. Ich musste vor Schreck Halbhusten.
„Aha! Findenwirunshier“, sagte er mit einer Stimme, die so verheißungsvoll klang, wie eine Letzte Ölung.
„Oha“, stotterte ich, „komm mir bloß nicht Allzunah!“
Kenn tat genau das Gegenteil. Ich dachte daran, Reißaus zu nehmen. Doch im Laufen war ich nie besonders gut. Schon gar nicht gegen einen Allrath-Antrieb. Deshalb entschied ich mich für einen lauten Notschrei.
„Hiiiiiiilfeeeee!“
Keine Antwort. Es herrschte Schwaigen im Wald.
Es gibt Momente, da Wünsch ich mir Mermuth. Dies war so ein Moment.
Plötzlich – gerade als meinem Mund ein letztes „Thumirnicht“ entfleuchte – Hörde ich eine geheimnisvolle Stimme im Ohr, die mich siezte.
„Tötensen“, zischte sie mir zu. „Tötensen!“
Wie ein tollwütiger Killerhund preschte ich nach vorne und attackierte Klein-Kenn, indem ich ihm ins linke Orbis. Mal lag ich Owen, dann wieder Kenn. Mal wälzten wir uns am Boden, dann wieder im Graben. Mal rammte ich ihm meinen Dünfus in die Auggen, mal bearbeitete er mich mit seinen Hammerfäusten. Schließlich brachte ein zufällig herumliegender Ziegelstein die Entscheidung. „Sterbfritz“, presste Kenn durch seine Potzehne und schickte mich mit einem kräftigen Schlag dorthin, wo die armen Seelen und die Todenhausen.
Das war es nun, mein letztes Abentheuer auf dieser Heimaterde. Dreißig Monate dauerte es, bis mein Leichnam in einer Grube gefunden wurde und Meine Lieblingszeitung titelte:
„Grauen im Finsterwalde Nahe Busendorf. Tod nach Ringelai.“
Noch heute ziert die Fundstelle ein Lindenkreuz mit der Inschrift „Unser Fritz“. Sie finden es in der nach mir benannten Flurgemarkung „Beim Todenmann“, gleich neben dem Mordberg. Und sollten Sie sich jemals an Allerheiligen in diese Gegend verirren, dann vergessen Sie bitte nicht, ein paar Volkerzen für Fritz Lederhose anzuzünden, der hier an dieser Stelle – garantiert nicht aus Freienwill - eine Frohe Zukunft gegen ein kühles Grab tauschte.
Wer weiß? Vielleicht hätte er besser nach Ostereistedt fahren sollen – so kurz vor Ostern.
Hier eine alphabetische Liste merkwürdiger Ortsnamen
