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Wir sind Würzburg

Aufgrund einer hitzigen Debatte um den neuen Slogan der Stadt Würzburg wurde ich auf ein Problem gestoßen, das vielen Städten zu schaffen macht: Das Image. Bei meiner Lektüre diverser Blogs stolperte ich auch über das ein und andere Argument für oder wider einen bestimmten Städteslogan. Und dabei geriet ich ins Grübeln.
BE BERLIN! (Sei Berlin!) … I AMSTERDAM (Ich bin Amsterdam) … Was soll mir das über Berlin und Amsterdam sagen? Dass beide Städte keine Identität haben und deshalb meine brauchen? Oder dass ich selbst keine Identität besitze und deshalb auf die Identität von Berlin und Amsterdam angewiesen bin? Und wer soll ich denn nun sein? Berlin oder Amsterdam? Denn beides gleichzeitig geht ja schlecht, wenn ich eine Persönlichkeitsspaltung vermeiden möchte. Zudem soll ich ja auch schon Deutschland sein: DU BIST DEUTSCHLAND! … und das, obwohl meine mittlerweile vierte Identität Melbourne City heißt („that’s me!bourne city“) und meine fünfte Rotterdam („youRotterdam“). Übrigens – Rotterdam hat den größten Seehafen Europas und den drittgrößten der Welt. Davon ist im Slogan nicht einmal der leiseste Hauch zu spüren.

Und was sagen mir die Slogans Charakteristisches über all diese Städte? Nichts. Absolut nichts. Sie sind lediglich eine Aufforderung, sich mit der jeweiligen Stadt zu identifizieren und diese selbst mitzugestalten. Sie ergeben nur einen Sinn, wenn man genau diese Strategie verfolgt und haben deshalb nur einen relativ kurzlebigen und fragwürdigen Nutzen.

Wäre ich dazu verdammt, einen vergleichbaren Slogan für Würzburg zu suchen, müsste er vermutlich lauten: WIR SIND WÜRZBURG. Oder vielleicht doch besser R SIND WÜRZBURG? Oder in Anlehnung an „we’r Würzburg“: WÜ’R WÜRZBURG?

Gott sei Dank ist dieser Kelch bisher an mir vorübergegangen. Sonst gäbe es auf dieser Welt schon mindestens fünf Städte und ein Land, die mir ihre Identitäten aufschwatzen wollen.

Doch wie sieht es nun mit anderen deutschen Städten aus? Hier eine kurze Liste, entnommen aus der taz und der bild:

„München mag dich.“ … Aha? Interessant. Ich mag aber München nicht. … „Jena: Stadt der Welt“ … Was soll ich mir darunter vorstellen? Dass Jena überall und nirgendwo liegt? … „Oldenburg: Das hat was“ … Aber was? Das hätte ich doch zu gern gewusst. … „Delmenhorst: Da geht was“ … Was denn? Ein Fußgänger bei Rot über die Kreuzung? … „Hannover: Hat’s drauf“ … Na, was denn nur? Den Salto rückwärts? … „Bonn: Die Stadt“ … Vermutlich wurde hier beim alten Slogan nur das „Haupt“ gestrichen und auf diese Art der Sinn geköpft. … „Bochum macht jung“ … Gewagtes Versprechen. Wenn das deutsche Rentner ernst nehmen, sieht Bochum bald ziemlich alt aus. … „Menden: Stadt woanders“ … Genau wie Jena. … „Kreuztal: Meine Stadt“ … Zu schön, um wahr zu sein. … „Köln ist ein Gefühl“ … Welches denn? Das flaue Gefühl im Magen? Ich dachte immer, Köln sei so etwas Ähnliches wie eine Medienstadt. … „Ulm: Spitze im Süden“ … Würde für die Zugspitze besser passen. … „Regensburg: Spitze an der Donau“ … Wow! Ich wusste gar nicht, dass die m.E. südländischste Stadt Deutschlands bekannt für Textilverzierungen ist. … „Suhl trifft“ … Wohin? Vermutlich ins Leere.

Warum tun Werbefachleute Städten diese Slogans an? Aus Effekthascherei? Um sich selbst ein Denkmal zu setzen? Wer weiß?

Ohne mich näher informiert zu haben, könnte ich einfach einmal wohlwollend mutmaßen, dass es sich bei den genannten Sprüchen nicht um dauerhafte Städteslogans handelt, sondern lediglich um temporäre, die einen kurzfristigen, mir unbekannten Zweck verfolgen. Einen Zweck, der sich nur vor dem Hintergrund der jeweiligen Kampagne erschließt. Doch dann, das sollte man bedenken, können sie ihre Botschaften nur in Verbindung mit der Kampagne kommunizieren. Selbst wenn man für solche Fälle kreative, originelle Slogans entwirft, sind diese, wenn sie alleine stehen, relativ nutzlos.

Doch es gibt auch Slogans, die ohne Kampagne wirken.

“Frankenberg: Das Beste zwischen Himmel und Eder“ … Das ist ein origineller Spruch, der mir wenigstens sagt, wo ich Frankberg finde und dass es das Beste ist, was ich in dieser Gegend finden kann.

„Stuttgart: Die Bäderstadt, die alles hat“ … Nicht originell. Aber „memorabel“! Und ich weiß, was ich mir unter Stuttgart vorstellen muss.

Etwas fragwürdiger:
„Leben. Im Quadrat. Mannheim“ … Ein intelligenter Spruch für alle, die Mannheims Stadtplan kennen. Ein Rätsel für diejenigen, die ihn nicht kennen. Und was der Punkt nach Leben soll, ist mir ein Rätsel. Denn eigentlich sollte es doch heißen „Leben im Quadrat“ – also „Leben hoch zwei“.

Der Slogan von Sierksdorf schießt aber den Vogel ab. Ich erwähne ihn vor allem deshalb, weil er die Quintessenz der meisten Städteslogans erfasst: „Ostseebad Sierksdorf: Egal was – Hauptsache nix.“ Er spricht Menschen aus der Seele, die einfach mal abschalten und zur Ruhe kommen wollen und liegt auf der gleichen Linie wie Miravete (siehe unten!).

Doch zurück zu den Negativbeispielen:
Was mir bei den meisten dieser Slogans auffällt ist, dass sie für sich alleine genommen über die jeweilige Stadt (so gut wie) nichts aussagen. Das mag für Metropolen wie Berlin, München, Amsterdam, Rotterdam und Köln noch vertretbar sein, da diese ohnehin ausreichend bekannt sind und sehr viele Eigenschaften in sich vereinigen müssen. Doch bei Städten, deren Namen nicht auf Anhieb einen Aha-Effekt auslösen, ist ein Slogan, der zugunsten einer höheren Originalität auf die Nennung charakteristischer Merkmale verzichtet, bestens geeignet die Bedeutungslosigkeit der Stadt zu vergolden.

Wenn ich „be Berlin“ höre und kenne diese Stadt bereits, dann fügt dieser Slogan dem Bild, das ich von Berlin im Kopf habe, nichts hinzu. Was dem Image der Stadt aber kaum einen Abbruch tut.
Wenn ich allerdings „wir sind Würzburg“ höre und habe noch kein Bild von Würzburg im Kopf, dann fügt dieser Slogan ebenfalls nichts hinzu. Das heißt, ich weiß über Würzburg genauso wenig wie vorher. Nämlich nichts. Ob das der Sinn eines Slogans ist? Sollte der Städteslogan nicht ein leicht zu erinnernder Satz sein, der die charakteristischen Merkmale einer Stadt kurz und prägnant zusammenfasst?
Für relativ unbekannte Städte, die typische Merkmale besitzen, sollte dies m.E. der Fall sein.

Ganz anders sieht es allerdings bei Städten aus, die nicht nur unbekannt sind, sondern darüber hinaus auch absolut nichts haben, was erwähnenswert wäre. Hier hat man, was den Slogan betrifft, fast Narrenfreiheit. Nach dem Motto „ist der Ruf erst ruiniert, lebt es sich gänzlich ungeniert“ kann man seiner Kreativität einen Spielplatz bauen. Wie hier in Miravete, einem Dorf in Spanien, das nur zwölf Einwohner hat, dessen Name frei übersetzt bedeutet „Schau und hau ab“ und dessen Bekanntheitsgrad sich in kürzester Zeit vervielfachte. „Miravete: Hier passiert nie etwas.“

Miravete Film
Miravete Bericht
Miravete Bericht
taz
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