Beim Forward Viral Video Award werden Reklamevideos prämiert, die gar nicht nach Werbung aussehen. Manche wollen die Welt besser machen, eines wirbt auf reichlich eklige Art für Pralinen. Anno 1999 kursierte ein Werbespiel im Internet, das zum Inbegriff für “virales Marketing” wurde: das Moorhuhn. Millionenfach luden die Leute das Spiel herunter und vertrieben sich ihre Bürozeit damit. In puncto Reichweite und viraler Verbreitung war das alberne Game ein Erfolg epidemischer Dimension. Ob der Auftraggeber, ein namhafter Whisky-Hersteller, davon profitieren konnte, ist nicht überliefert.Seitdem werden immer wieder virale Videos als Werbeträger für Produkte eingesetzt. Wenn Qualität und Message stimmen, haben die Clips großen Erfolg und kursieren tausendfach durchs Netz. Dabei ist es unerheblich, ob sie eine politische, humanitäre oder kommerzielle Aussage verkünden.
Ja, ja, lacht nur, liebe Kollegen! Aber das Lachen wird euch noch aus dem Gesicht bröckeln, wenn ihr erfahrt, was ich am Wochenende beim Stöbern auf dem Dachboden entdeckt habe. Haltet euch fest:
In einer hölzernen Reisetruhe, die einmal dem Gartenarchitekten Ludwigs XIV., André le Nôtre, gehört haben soll, fand ich mehrere Tontäfelchen, die Handlungsanweisungen für das Virale Marketing der Maria-und-Josef-Kampagne trugen(siehe Teil 1 u. 2). Euch ist hoffentlich klar, um welch unschätzbaren Wert es sich bei diesen Schriftstücken handelt. Ich denke, ich übertreibe nicht, wenn ich sage, dass dieser Fund eine ähnliche Bedeutung erlangen wird, wie die Schriftrollen von Qumran, lassen sie doch ein Kapitel der Bibel in einem völlig anderen Licht erscheinen als bisher geglaubt. Um euch nicht länger auf die Folter zu spannen, veröffentliche ich – exklusiv für euch – eine kleine Sammlung dieser tönernen Preziosen, jedoch nicht, ohne durch die Blumen André le Nôtres signalisiert zu haben, dass ich für ein Höchstgebot jederzeit ein offenes Ohr/Portemonnaie habe.
Nun zu den Fundstücken:
Die Tontäfelchen waren an den jeweiligen Klatschinitiator gerichtet (Klatschweib bzw. Informann) und beidseitig beschriftet, wobei die Texte auf den Rückseiten immer gleich waren. Sie enthielten eine allgemeine Erläuterung, wie der jeweilige Text auf der Vorderseite aufgefasst werden soll sowie allgemeine Handlungsanweisungen für die Verbreitung des Inhalts. Im Wesentlichen ging es darum, den Text auf der Vorderseite nicht auswendig wiederzugeben, sondern seinen Inhalt – je nach Situation und Laune – mit eigenen Worten weiterzuerzählen.
Nun ein kleiner Auszug aus meiner Sammlung (zu sehen ist jeweils die Vorderseite):
Simon aus Tiberias:
„Es wird ja immer so viel über Maria und Josef gelästert, dass die asozial wären und so. Das kann ich absolut nicht bestätigen. Im Gegenteil. Als mir letztes Jahr ein betrunkener Römer das Dach über dem Kopf angezündet hat und mein Haus bis auf die Grundmauern nieder brannte, da waren es nicht meine Freunde und Verwandten, die mir geholfen haben, nein: Es war Josef. Josef aus Nazaret! Der hat mir das Baumaterial besorgt, den Plan gezeichnet und alle Bauarbeiten selbst erledigt. Und das ganz ohne Bezahlung und obwohl wir uns nicht kannten. Jetzt frag ich dich: Wie viele Leute kennst du, die so etwas für dich tun würden? … Ne, ne, über den Josef lass ich nix kommen.“
Andreas aus Akko:
„Zu einer Zeit, in der ich noch jung und leichtsinnig war, hatte ich einmal Spielschulden bei Samson aus Gaza. Der drohte, mir jeden Knochen im Leib einzeln zu zermalmen. Als ich nicht mehr ein noch aus wusste, stürzte ich mich bei Jericho aus Verzweiflung in den Jordan. Und wer hat mich rausgefischt? Josef aus Nazaret. Und das, obwohl er gar nicht schwimmen konnte. Und wer hat mit der Auszahlung seines Bausparvertrags meine Spielschulden bezahlt? Josef aus Nazaret. Ohne Gegenleistung und obwohl er mich gar nicht kannte. Jetzt zeig mir mal jemanden, der das gleiche für dich tun würde, obwohl er dich nicht kennt. Wenn du jemanden findest, zahle ich dir einen Bausparvertrag.“
Magdalena aus Hebron:
„Meine Schwägerin hat neulich eine Frau getroffen, die eine Begegnung hatte mit einer Wahrsagerin. Und zwar einer echten Koryphäe auf ihrem Gebiet. Und die erzählte meiner Schwägerin ganz im Vertrauen, welche Zukunft sie in der linken Hand und in der rechten Iris von Maria gesehen hatte. Und jetzt setzt euch hin, damit ihr nicht umfallt! … Sie hat gesehen, dass Maria so etwas Ähnliches wie einen König gebären wird und dass sie dafür noch 2000 Jahre nach ihrem Tod so eine große Fangemeinde hat, dass sie täglich körbeweise Fanpost kriegt. Also wenn ihr mich fragt: Jemanden, der noch in 2000 Jahren so geliebt und verehrt wird, den kann man einfach nicht links liegen lassen.“
Izabel aus Haifa:
“Ich hatte mal was mit einem Kamelhändler aus Asyut. Dummerweise kam mein Mann dahinter. Na ja, ihr könnt euch ja vorstellen, was dann los war. Doch wenn Maria nicht gewesen wäre, würde ich die Geschichte jetzt gar nicht erzählen. Denn nach dem 20. Stein ist sie einfach dazwischen gesprungen und hat gerufen: ‚Halt! Lasst mich für Izabel sterben!’ … Ihr hättet die Meute mal sehen sollen. Einer nach dem anderen zog verschämt den Schwanz ein und hat sich verkrümelt. Also für mich ist Maria `ne Heilige. So viel steht fest.“
Ruth aus Irbid:
„Also ich hab die Maria schon gekannt, als sie noch so klein war. Sooo klein. Da hat sie immer mit den anderen Kindern auf der Straße gespielt. Das Auffällige an ihr war: Immer, wenn sie jemanden gesehen hat, der Hilfe braucht, hat sie ihr Spiel sofort unterbrochen und ist zu ihm gerannt, um zu helfen. Immer! Immer!!! Da gab es für sie gar nichts anderes, als Helfen. Ich meine, … so etwas ist ja heutzutage nicht selbstverständlich für’n Kind, oder? Na ja, und wenn ihr euch vorstellt, dass sie schon als Kind so war – obwohl Kinder ja eher kleine Egomanen sind, dann könnte ihr euch ja ein Bild davon machen, wie sie heute ist. Ich sage immer nur: Die is’ so gut - die is’ die Barmherzigkeit in Fleisch und Blut.“
Aaron aus Tel Aviv:
„Vor zehn Jahren war ich beruflich häufig zwischen Tel Aviv und Nazaret unterwegs. Doch nachdem Herodes, der Halsabschneider, die Pendlerpauschale gestrichen hatte, ging der größte Teil meines Einkommens für Pferdefutter drauf. Da brachte mich Josef auf die Idee mit dem Esel. ‚Sieh her’, hatte Josef gesagt, ‚mein Esel braucht nur die Hälfte des Futters, das dein Araber braucht, und er macht nur halb so viel Mist. Doch während dein Araber nur einen Sitz hat, kann ich aus meinem Esel locker einen 5-Sitzer machen, weil er das Vielfache von dem trägt, was dein Araber tragen kann.’ … Tja, und dann haben wir eine Reitgemeinschaft gebildet. Das heißt, Josef hat mich täglich auf seinem Esel mitgenommen. Und weil ich weiter reiten musste als er, hat er mir den Esel für den Rest der Strecke überlassen. Und das ohne Bezahlung. … Also ich sage heute: Was wir brauchen, ist nicht die Pendlerpauschale, was wir brauchen, sind mehr Leute wie Josef.“
Nun, geschätzte Kolleginnen und Kollegen, ich hoffe, dass ich euch mit diesen wohl ersten und einzigen antiken Hinweisen auf Virales Marketing von der Existenz unserer Maria-und-Josef-Kampagne überzeugen konnte. Sollte ich darüber hinaus den ein oder anderen animiert haben, angesichts der wirtschaftlichen Lage sein Erspartes in antiken Kulturschätzen anzulegen – meine Geschäftsbedingung lautet: Ist das Geld nur Rauch und Schall, akzeptiere ich nur Edelmetall.
Um der allgemeinen Belustigung und dem Spott zu begegnen, der mir aufgrund meiner „wahren Geschichte“ entgegenschlägt – selbst die lieben Kollegen ziehen sie in Zweifel, hab ich mal etwas in meinem Keller und Dachboden in alten Akten gewühlt, in der Hoffnung, ein paar Belege für unsere Maria-und-Josef-Kampagne zu finden. Den wenigen Manuskripten nach zu urteilen, die mir bisher in die Hände fielen, zogen wir die Kampagne in etwa folgendermaßen auf:
Phase 1:
Am Anfang stand das Virale Marketing, die Infizierung von Klatschweibern - und natürlich auch von Klatschmännern. Allerdings hießen die damals Informann, eine Wortschöpfung aus Informant + Mann. Das Virale Markerting (Klatsch-Marketing, wie es genannt wurde) sollte mittels positiver Gerüchte über Maria, Josef und ihren Esel eine wohlwollende Grundstimmung in der Bevölkerung erzeugen und dafür sorgen, dass die späteren Werbebotschaften bereitwilliger aufgenommen werden. Das Virale Marketing war sozusagen die Basis, das Fundament. Oder der Schlüssel, um einen anderen Vergleich zu wählen.
Phase 2:
Etwas zeitversetzt folgten Ziegenhaut-Postwurfsendungen, Ziegenhaut-Plakate, Marktschreier und Tontafelsandwich-Männer. Der Clou an der Geschichte: Als Absender der Werbebotschaften und als Financiers der Kampagne traten nicht Maria und Josef auf, sondern Leute aus dem Volk (Strohmänner), die Maria und Josef – aus welchen Gründen auch immer, scheinbar wohl gesonnen waren. Ich muss wohl nicht erklären, dass die Kampagne trotzdem von Maria und Josef finanziert wurde und sich die Strohmänner/-frauen ihren Einsatz mit mehreren tausend herzlichen Vergelt’s Gotts bezahlen ließen. Doch dies nur nebenbei.
Phase 3:
Die Aktionen des Zeloten-Marketings erfolgten punktuell und waren so etwas wie Glanzlichter, die aus dem allgemeinen Schillern und Funkeln der Kampagne herausleuchteten. In etwa so, wie die Lichtblitze auf einer alten Disco-Kugel.
Der Erfolg der Kampagne war ……. gi-gan-tisch!
Denn gegen Ende des Werbezeitraums entwickelte sich eine erstaunliche Eigendynamik. Während zunächst – am Anfang der Phase 2 – nur Strohmänner ihre Sympathien mit Werbemitteln „aus eigener Tasche“ kundtaten, wurden gegen Ende der Phase 2 auch Otto-Normal-Bürger von der Begeisterung erfasst. Ja, es ging sogar so weit, dass besonders Eifrige anfingen, Vereine und Clubs zu gründen.
Da gab es beispielsweise den Traumpaar-des-Jahres-Club, in dem Maria und Josef den Ehrenvorsitz hatten. Oder den Ein-Herz-für-Maria-und-Josef-Verein, der selbstgebackene Lebkuchenherzen verkaufte und den Erlös Maria und Josef spendete. Oder die Maria-und-Josef-statt-Herodes-Aktiengesellschaft, die es sich zum Ziel gesetzt hatte, Herodes zu entmachten und Maria und Josef auf den Thron zu setzen. Selbstverständlich mit dem Esel als Arbeitsminister. Doch nicht nur Erwachsene ließen sich von der Begeisterung anstecken. Auch hedonistische Jugendliche wurden plötzlich zu Altruisten. So gründeten beispielsweise eine Handvoll halbwüchsiger Gören den Allgemeinen Galiläischen Eselclub, kurz AGEC, in dessen Clubkellern man rauschende Mach-mir-den-Esel-Partys feierte. Was man(n) sich darunter vorstellen sollte, wusste allerdings keiner so genau.
Ich denke, diese kurze Aufzählung sollte genügen, um Ihnen zu veranschaulichen, welche Welle der Hilfsbereitschaft durch unsere Maria-und-Josef-Kampagne ausgelöst wurde und über Galiläa schwappte. Mal sehen, … vielleicht werde ich am Wochenende Keller und Dachboden entrümpeln, um nach weiteren Beweisstücken zu suchen. Bis dahin …
Schalom
Ich erinnere mich nicht mehr so genau, aber es muss etwa im Jahre 2 vor Christus gewesen sein, als ich in einer kleinen Werbeagentur in Jerusalem arbeitete. Eines Tages – ich kritzelte gerade für jüdische Widerstandskämpfer irgendwelche Hetzparolen gegen die römische Besatzung auf Ziegenhäute – da klopfte ein bärtiger Mann an die Tür. Es war Josef. Sie wissen schon - der Zimmermann aus Nazaret. Er entschuldigte sich für seinen Verstoß gegen die jauker’sche Kleiderordnung und für seine Körperausdünstungen – er hatte sich seit Wochen nicht mehr gewaschen – und erklärte mir dann in einem etwas umständlichen Aramäisch, dass er ganz schnell eine Werbekampagne brauche und ob wir an einem Pitch interessiert seien. Kein Problem, sagte ich ihm, das mit der Werbekampagne und dem Pitch ginge klar, doch das mit dem „schnell“ könne er sich ganz schnell abschminken. Schließlich lebten wir im Orient des 1. vorchristlichen Jahrhunderts und nicht im Deutschland des 21. nachchristlichen. Nachdem wir einige Formalitäten und Smalltalk ausgetauscht hatten, zog ich ihm das Briefing aus der Nase. Es sah ungefähr folgendermaßen aus:
Hintergrundinfo:
Ich (Josef) und Maria (meine schwangere Frau) sind unterwegs nach Nazaret und suchen für den 24.12. eine Übernachtungsmöglichkeit in der Gegend um Betlehem. Vorzugsweise mit Eseltiefgarage, Hebammen-Service, Wickeltisch im Zimmer.
Zielgruppe:
Herbergseltern, Leiter von Karawansereien, Hausbesitzer mit Gästezimmern.
Werbeziel:
Das Erzeugen von Sympathie und das Wecken altruistischer, philanthropischer Gefühle für mich, meine Frau und unseren Esel (für Letzteren wohl eher philofaunische Gefühle).
Problem:
Meine Frau und ich gelten als asozial.
Werbemittel und -träger:
Marktschreier, der Aushang von Ziegenhäuten an öffentlichen und privaten Anschlagstellen, Postwurfsendungen aus geviertelten Ziegenhäuten, Tontafelsandwich-Männer, Zeloten-Marketing (heißt heute Guerilla-Marketing), Virales Marketing mittels Infizierung von Klatschweibern.
Werbezeitraum:
Advent.
Etat:
Ein herzliches Vergelt’s Gott.
Um die Sache abzukürzen: Wir haben den Etat natürlich gewonnen. Und nicht nur das. Wir haben für Maria und Josef und ihren Esel auch einen Übernachtungsplatz gefunden.
Sie glauben mir nicht? Das kann ich gut verstehen, denn auch der Vatikan hat mir nicht geglaubt, obwohl ich schon mehr als hundert Beweise dort abgeliefert habe. Klar. Die müssten ja auch die Bibel umschreiben, wenn sie mir glauben würden. Doch ich schwöre bei meinem zweiten Bauchnabel:
Ich habe diese Geschichte wirklich erlebt!