Für alle, denen es noch nicht aufgefallen ist:
Auge in Auge mit einer gefühlten Hyperinflation gibt es für den Konsumenten einen produkt- und branchenübergreifenden Reason Why, den man als Allonge an jeden Werbespot anhängen könnte. “Kaufen Sie unbedingt heute noch! Morgen bekommen Sie für Ihr Geld nur noch die Hälfte.”
Liebe Patientinnen, liebe Patienten!
In unserer von Hektik durchpulsten Zeit greifen immer mehr Menschen zu Tranquilizern, um ihr aufgescheuchtes Gemüt zu beruhigen. Dabei nehmen sie gefährliche Nebenwirkungen in Kauf. Doch dies ist gar nicht notwendig. Alleine in einem durchschnittlichen Werbeblock tummeln sich genügend Wörter, die eine ganze Elefantenherde narkotisieren könnten, wenn Elefanten diese Wörter nur verstünden. Geben Sie sich doch einmal das Wort Service. ………………… SERVICE! …….. Sprechen Sie sich dieses Wort einmal laut vor und lauschen Sie seinem Klang. ……. SER-VICE! …. Spüren Sie etwas? … Löst dieses Wort ein angenehmes Gefühl in Ihnen aus? … Wenn ja, dann sind Sie ein medizinisches Wunder. … Versuchen Sie es einfach mal mit Kompetenz. … KOM-PE-TENZ! … Ich weiß nicht, wie es Ihnen mit diesem Wort geht, aber in meinen Ohren klingt das nach einem in Formaldehyd konservierten Fachidioten. … Oder wie wär’s mit Beratung? ………… BE-RA-TUNG! … Am besten noch garniert mit einem fachmännisch. …. FACHMÄNNISCHE BE-RA-TUNG! ... Dieser Begriff ist so abgenutzt und inhaltsleer, dass es mir schwer fällt, überhaupt irgendetwas damit zu assoziieren. Außer vielleicht: den in Formaldehyd konservierten Fachidioten, der in seinem Konservierungsbad Luftblasen absondert.
Übrigens - diese verbalen Narkosemittel erhalten Sie rezeptfrei und, wenn Sie nicht bei der GEZ gemeldet sind, sogar gratis. Dabei müsste ihre Verbreitung doch eigentlich durch das Betäubungsmittelgesetz geregelt sein.
Jetzt fragen Sie sich vermutlich: Warum tauchen sie trotzdem so zahlreich in Werbeblocks auf? Unter anderem deshalb, weil für Umschreibungen, die beim Radiohörer lebendige Bilder heraufbeschwören und stimulierende Gefühle wecken könnten, einfach die Zeit fehlt. Wenn man sich genötigt sieht, fünf USPs pro Spot aufzuzählen (ein Widerspruch in sich), die eigentlich gar keine sind, dann bleibt einem meist keine andere Möglichkeit, als mit Schlagwörtern zu arbeiten. Und die liebkosen und umschmeicheln den Hörer nicht, wie ihr Name schon verrät, sie schlagen ihn. Immer auf dieselbe Stelle: Service, Service, Service, Service, Service, Service, Beratung, Beratung, Beratung, Beratung, Beratung, Kompetenz, Kompetenz … Mittlerweile sind die Stellen des Gehirns, die für die Verarbeitung dieser Wörter zuständig sind, so taub, dass der Hörer die Einschläge nicht mehr registriert. Da hilft nur eins: USPs raus, USP rein! Denn: USP meint einen „einzigartigen Verkaufsvorteil“ – also ein Alleinstellungsmerkmal. Und dass es davon pro Unternehmen/Produkt gleich mehrere gibt, ist in einer Welt des Überangebots sehr unwahrscheinlich.
Apropos USP: Der Verkauf von Betäubungsmitteln in verbaler Form wäre doch ein USP, oder?
Liebes Patent- und Markenamt!
Ich beantrage hiermit den Markenschutz für folgende Wort-Bildmarke:
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Es war einmal vor langer Zeit im Lande namens Gerryland, da saß ein kleiner Produzent mit dicker Brille und bastelte aus Stimmen, Geräuschen und Musiken kleine Werbespots. Als die Nacht hereingebrochen war und alle anderen Einwohner das Land bereits verlassen hatten, da packte auch der kleine Produzent mit der dicken Brille seine Siebensachen, löschte das Licht und schlenderte zur Tür. Es war eine Drehtür. Eine vollautomatische Drehtür! Sie war so vollautomatisch, dass sie plötzlich ohne erkenntlichen Grund vollautomatisch ihren Geist aufgab, just in dem Moment, in dem zwei ihrer Glasflügel gemeinsam mit dem Türrahmen einen geschlossenen stehenden Glassarg bildeten. In diesem Glassarg stand nun der kleine Produzent und schaute so verdutzt wie die Sieben Zwerge, nachdem sie das tote Schneewittchen gefunden hatten. Was war passiert? Warum war die blöde Tür plötzlich eingeschnappt? Vermutlich hatte er etwas gesagt, was die Drehtür in den falschen Hals gekommen hatte - so wie Schneewittchen den vergifteten Apfel. Also begann er, besänftigend und beschwörend auf die Tür einzureden. „Sesam öffne dich!“ … Und: „Rucke di gu, rucke di gu, dreh dich im Nu!“ … Und: „Knusper, knusper, kneuschen, ich will aus dem Häuschen!“ Jedoch: die Tür blieb eingeschnappt, und kein Prinz war weit und breit, ihn zu befreien. Da wusste er: es blieb ihm keine andere Chance, als es mit dem Erlkönig zu versuchen – vorletzter Vers, zweite Zeile.